Joram Schön
ROADSIDE DISTRACTION
installation view, HUT1 ,2025, holz , cardboard, LKW-Plane, Klebeband, Kistenholz, 460 x 300 x 318 cm
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installation view, different modells/miniature scenographies , 2021-ongoing
installation view
(Untitled) LiminalSpace-LA24/25 2025,Bleistift, Acrylfarbe,Leinwand auf Keilrahmen, 250 cm x 140 cm
detail shot, different modells/miniature scenographies , 2021-ongoing
installation view
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U-BHF BĂŒlowstr. -> âTĂŒrkischer Basarâ (1978-2030)-Jugendstil -> $ -> Spaziare30 -> Der Flaneur -> Jeronimohawk -> NYC YANKEES und die NebelkrĂ€hen,2022, Color pencil and graphite on paper, steel frame, Museum glass, 100x70 cm
Dojo1(untitled), 2025, acrylic paint, graphite on canvas, 42 x 75cm
Screenshot - Film: Die Reise des Abu J - Von Dönninghaus bis in den Sinai (57min ) , 2025
installation view, Dummy(J.HAWK 91), 2024, Dodgers Jersey Bootleg, different materials, Dummy2(Booh26), 2024, GHOSTS Jersey, different materials , Cartwheel, Kiosk,FFM (untitled),2024, acrylic paint, graphite on canvas, 77 x 160cm
detailshot, Bestattungen (In Familientradition Seit 1904)
installation view
detailshot, VIDEO INN, EL REDA,E Smoke & Convenience, JoeÂŽs Gym
J.S. logistics, Estrel mit Enzo(untitled),2024, acrylic paint, 84x 150 cm
detailshot, CORNER COFFEE
HUT1 ,2025, holz , cardboard, LKW-Plane, Klebeband, Kistenholz, 460 x 300 x 318 cm
Untitled1 (Bett/BĂŒhne + Stuhl- Lâoiseau Musicien- Montage - gemeinsame Arbeit mit Sebastian von der Heide), 2023, Holz, Bambus, - Acryllack , Stoff , 217 x 100 x 70 cm, Roadside3(untitled), 2025, acrylic paint, graphite on canvas, 84 x 150 cm
(Untitled) City Hall,Spielhalle 2025,Bleistift, Acrylfarbe,Leinwand auf Keilrahmen, 250 cm x 140 cm
Die Reise des Abu J. & T.Siebert in ner aufgeschnittenen Zigarrenröhre (Erhobener Zeigefinger Richtung Himmel), 2021 Graphit, Buntstift und Kleber auf Papier, 47 x 65 cm
Rabbit Hole und Hamsterrad
Gedanken von Olga Hohmann zu Joram Schönâs Roadside Distraction
Wenn man einen Roadtrip macht, dann gilt wohl endlich einmal das alte Sprichwort âDer Weg ist das Zielâ. Man schaut nach links und nach rechts, es gelten die Gesetze des Highways. Manchmal braucht man Benzin oder einen Snack - das heiĂt, Benzin fĂŒr den Körper. In den Auslagen der US Amerikanischen Gas Stations findet man viel artifiziellere GetrĂ€nke als an Deutschen Tankstellen: Gatorades in allen Farben, Benzin fĂŒr Körper und Geist, sozusagen.
Meine erste Begegnung mit Joram Schön war ein Austausch ĂŒber Schokoriegel. Ich erzĂ€hlte ihm eine Geschichte ĂŒber einen Mann, den ich nachts in einer Bar getroffen hatte, und der sich völlig in einem Monolog ĂŒber die Vor- und Nachteile einzelner Schokoriegel verlor: Er konnte die klaren Unterschiede zwischen einem Baby Ruth, einem 5th Avenue, einem Milky Way, einem Kit Kat,
einem Chunky, einem Snickers, verschiedenen Reeses-Produkten, einem Rocky Road, einem Wonka-Riegel, einem Twix (natĂŒrlich), einem Mr. Goodbar, vier verschiedenen Hershey-Riegeln und einem Three Musketeers beschreiben. Er konnte auch den feinen Unterschied zwischen einem Almond Joy und einem Bounty beschreiben, ebenso wie zwischen einem Abba Zaba, einem Payday und einem Whatchamacallit. Mit seiner professionellen Herangehensweise hatte er auch eine sehr klare Meinung darĂŒber, wem man vertrauen kann: Immer jemandem, der ein Snickers wĂ€hlt, niemals jemandem, der gerne ein Twix isst.
Diese âDetourâ, der Umweg auf dem Roadtrip der Konversation (der keine Umwege kennt, weil der Weg âdas Zeilâ ist) im GesprĂ€ch erinnerte mich, im folgenden, an Joram selbst - denn Joram antwortete unerwarteterweise damit, mir seine Sichtweise auf die Dinge zu erlĂ€utern. Die âRoadside Distractionâ wurde zur eigentlichen Unterhaltung. Er folgte, wie immer, dem Prinzip: Hauptsache weiterfahren, fast egal wohin, nur bloĂ nicht stehenbleiben.
Ich schrieb also Joram eine Nachricht und fragte ihn nach seinem liebsten Schokoriegel. Er antwortete ĂŒber Umwege: Vor ungefĂ€hr 13 Jahren hĂ€tte ich Reeses gesagt obwohl es eigentlich Payday war. Aber da gabs die Riegel auch nur in 2-3 Videotheken in Berlin und es war immer so etwas besonderes. Ich habe Freitag nacht 3 Filme ausgeliehen und einen Reeses, manchmal auch zwei und einen Payday. Auf dem weg nach hause habe ich immer schon ein StĂŒck von dem Reeses gegessen. Aber es ist ja irgendwie mehr eine Praline finde ich. Jetzt wo es Reeses in jedem SpĂ€ti gibt esse ich es kaum noch. Als es so populĂ€r hier wurde, habe ich es irgendwie auch ein bisschen boykottiert, weil der Mythos verloren gegangen ist. In New York habe ich mir mal im Hochsommer einen Reeses gekauft, weil es sich so angefĂŒhlt hat, dass ich das jetzt muss. Weil ich ja jetzt in Amerika bin. Aber im Hochsommer schmecken Schokoladen Riegel nicht so gut, aber ich liebe die Eis Version von Schokoladen Riegeln. Gestern hatte ich einen Snickers Schokoladen Riegel in der Tasche. Eigentlich esse ich am liebsten Snickers. Snickers geht irgendwie immer. Als Kind war ich Bounty sĂŒchtig. Milky Way fande ich immer eklig. Davon wurde mir immer schwindelig und ĂŒbel. Also Payday ist schon mein Lieblingsschokoriegel. Salzig und sĂŒss zusammen. So gut. Aber so alltĂ€glich esse ich am meisten Snickers^_^ und du?
Nach dieser Unterhaltung empfand ich tiefen und nachhaltigen Respekt fĂŒr Joram. Sein affirmatives, hingebungsvolles VerhĂ€ltnis zu vergeblichen Handlungen - wie der Roadtrip selbst eine ist - scheint mir unvergleichbar. Es scheint eine verschmitzte Freude darin zu geben, den Menschen dabei zuzusehen, wie sie auf ihre jeweils ganz eigene Art im Hamsterrad des Lebens feststecken und es mit gleichermaĂen lustvollen wie leicht gelangweilten TĂ€tigkeiten, KonsumgĂŒtern und Leidenschaften fĂŒllen. Die Zeit ist begrenzt, die Wiederholung vorgesehen, die Orientierung spĂ€rlich - die Sicht ist schlecht aus dem Autofenster, wenn es um die Frage nach der Zukunft geht. Schön ist nur das Scheitern und die Ablenkungen am Wegesrand. Die kleinen und groĂen, tiefen und nicht ganz so tiefen âRabbit Holesâ, in die man fallen kann, wĂ€hrend man auf dem Weg ganz woandershin ist. So wie die Frage nach dem besten Schokoriegel, in die man sich stundenlang vertiefen könnte. Was mir an Jorams Nachricht besonders gefiel, war, dass er am Ende - man konnte es der StraĂenfĂŒhrung des Satzes nicht entnehmen - doch zu einer Konklusion kam. Es gab die Sehnsucht nach der Auflösung - so wie jede âRoadside Distractionâ vielleicht doch voraussetzt, dass am Ende ein Ziel steht, das man versucht, zu erreichen.
Das Ziel wiederum, ist manchmal die eigentliche Ablenkung - ein Platzhalter fĂŒr die Tatsache, dass es solch ein Ziel eigentlich nicht geben kann, weil es immer vergeblich ist. Eine Entschuldigung dafĂŒr, auf dem Weg anzuhalten, weil man es ohnehin nicht erreichen kann.
Besonders gefiel mir die fast schon lakonische Frage âund du?â am Ende der ausschweifenden AusfĂŒhrungen. Dass Joram davon ausging, dass ich mich mit ihm in das âRabbit Holeâ der Schokoriegel
begeben, rĂŒhrte mich. Die Strategie ging auf: Mein VerhĂ€ltnis zu Schokoriegeln vertiefte sich sofort - es ist nun ein wesentlich ausdifferenzierteres als es das vor unserer Konversation gewesen war. Auf Jorams Frage konnte man nicht mit einem profanen Produktnamen antworten. Die Situation war, zum GlĂŒck, komplizierter.
Dass Joram behauptet, von Milky Way (ich denke immer: Seltsam, ein Schokoriegel namens MilchstraĂe) wĂŒrde ihm schwindelig werden, gefĂ€llt mir. In einer anderen Nachricht schickt er mir KotztĂŒten aus dem Flugzeug - und fragt mich, was ich damit assoziieren wĂŒrde. Ich erzĂ€hle von einem Flug, bei dem der Pilot mehrmals auf der Landebahn durchstarten musste. So abrupt und so tief ĂŒber dem Boden - so steil nach oben (die RĂ€der waren schon lĂ€ngst ausgefahren), dass mehrere Menschen zu den KotztĂŒten in den Magazinhaltern vor ihnen griffen und sich, wie man sagt, âdie Seele aus dem Leib kotztenâ. Mir selbst fehlte die KotztĂŒte hinter dem Magazin und, in meiner Not, erbrach ich mich in die Zeitung des Mannes auf dem Sitz neben mir. Der âDurchstartâ - die ultimative âRoadside Distractionâ.
Joram und ich haben beide keinen FĂŒhrerschein. Umso lustiger ist es, dass wir beide zu Verkehrsmetaphern neigen. Immer wieder denke ich nach ĂŒber die Technik des âmehrspurigen Schreibensâ. Ăber Satzzeichen als Verkehrssignale. Ăber den Punkt als rote Ampel und das Semikolon als gelbe. Gleichzeitig bin ich in Wirklichkeit nur die Beifahrerin, die die FĂŒĂe auf dem Armaturenbrett ablegt. Das sieht man dann ganz deutlich auf dem Schwarz-WeiĂ-Foto, denn natĂŒrlich wurden wir geblitzt, weil wir uns, mal wieder, nicht an die GeschwindigkeitsbeschrĂ€nkungen gehalten haben.
Joram und ich teilen sowohl den Westberliner Lokalpatriotismus, als auch die Sehnsucht nach der âweiten Ferneâ, die fast Hand in Hand zu gehen scheinen. Dass die Wohnungen MĂ€ngel aufweisen, nehmen wir, in leichter Nostalgie und GenĂŒgsamkeit hin.
In der Vertiefung des âRabbit Holesâ einzelner Konversationen entspinnen sich Techniken des Haken- schlagens: Ein TĂ€uschungsmanöver, mit dem der Hase, nicht linear, sondern Ablenkungen produzierend, davonhoppelt. Wovor er wohl flĂŒchtet? Vor den Berliner StadtfĂŒchsen vielleicht? Oder hat er, der listenreiche Joram, Angst, auf seiner Odyssee auf dem US Amerikanischen Highway zum Roadkill zu werden? Ich erinnere mich an eine einseitige Liebe bei der ich zunehmend dachte: Am I just your roadkill?
Vielleicht ist es ein biĂchen so wie bei Alice im Wunderland, wo die Dinge, im VerhĂ€ltnis zur Protagonistin, immer abwechselnd schrumpfen und wachsen. Auch die GröĂenverhĂ€ltnisse, die MaĂeinheiten Ă€ndern sich in Joram Schöns Arbeiten - auf nichts ist Verlass, auĂer auf ihn selbst: Den ultimativen Protagonisten seiner eigenen, sich in sich selbst verschiebenden Welt. Aus âJack in the Boxâ wird âJo(ram) in the boxâ - man weiĂ nie, wann und in welcher Geschwindigkeit er erscheint. Oder, ob er Ladenbesitzer oder Kunde ist - wer ist âJoeâ von âJoeâs Gymâ?
Immer wieder denke ich an âROYâsâ Gas Station, das mir Ăhnlichkeit mit âTomâs Dinerâ zu haben scheint - auch in Suzanne Vegaâs Song passiert nicht viel, und gleichzeitig alles. Auch die Dramaturgie des Liedes ist eine einzige âRoadside Distractionâ: Nur, dass die âRoadâ der BĂŒrgersteig vor dem Diner zu sein scheint. Aus sicherer Entfernung, als Beifahrerin ihres eigenen Lebens, berichtet die Protagonistin, die als ErzĂ€hlerin auftritt, von den ganz normalen und immer auĂerordentlichen Gegebenheiten des Alltages. Eine Art erzĂ€hltes Wimmelbild, ein âWhere is Waldoâ - in dem es keine Pointe und kein Ziel gibt, sondern nur das rhythmische Grundrauschen der StraĂe, orchestriert durch eingehaltene und nicht-eingehaltene Verkehrsregeln. Manchmal tritt jemand ein- in Tomâs Diner, das einem wie ein Raumschiff erscheint, das nur peripher mit dem Planeten unter ihm in Verbindung zu stehen scheint.
Joram und ich haben beide von unseren VĂ€tern gelernt, Currywurst zu essen. Mein Vater, der Taxifahrer in Westberlin war, fĂŒhrte sogar Buch ĂŒber die QualitĂ€t der unterschiedlichen Currywurstbuden, an denen er, Nacht fĂŒr Nacht, Halt machte. Das Notizbuch - nach dem Joram mich natĂŒrlich sofort befragt - ist leider in den dreiĂig Jahren, die dazwischen liegen - verloren gegangen. In der Welt der Currywurst gibt es nur eine Frage, die relevant ist, nĂ€mlich: âMit Darm oder ohne Darm?â Joram sagt: âDer Darm - das zweite Gehirnâ. Und ich denke: Ist es also besser, ist es vulgĂ€rer, die Wurst mit- oder ohne (ihr) Hirn zu sich zu nehmen? Joram gibt die einzig richtige Antwort - ganz im Sinne der âRoadside Distractionâ: âIch nehme immer beidesâ.
Und ich denke: What interests me about two is three. More is more. Es lebe die Ablenkung!
Olga Hohmann